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Wie erkenne ich meine Sexualität?

In unserer Service-Rubrik „Liebesfragen“ können Sie der Einzel- und Paartherapautin Dorothea Perkusic Ihre Fragen rund um die Themen „Leben“ und „Liebe“ stellen. Ausgewählte Fragen werden immer montags hier anonymisiert veröffentlicht.

Die heutige Frage einer Frau:

Ich bin seit einem Jahr in einer eigentlich glücklichen Beziehung. Vor wenigen Monaten hatte ich eine sexuelle Erfahrung mit einer Frau. Nun geht mir das nicht mehr aus dem Kopf.

Dorothea Perkusic:

Vielen Dank für Ihre Frage, die ich sehr spannend, mutig und wichtig finde.

Der größte Stolperstein ist sicher, dass wir alle gelernt haben in Kategorien zu denken und zu bewerten. Was wir nicht definieren können verunsichert uns, und die meisten Menschen reagieren auf Unsicherheiten mit Ablehnung, Stigmatisierung und Verurteilung.

Um uns sicher zu fühlen neigen die meisten Menschen dazu, Dinge in dafür eigens vorgesehene Schubladen zu stecken. Diese wird meist schnell wieder zugeschoben. Es wird verdrängt und unsichtbar gemacht, was ängstigt und nicht sein soll. Glückwunsch, dass Sie Ihre Schublade nicht verschließen.

Eine schwierige Aufgabe

Die ganz eigene und individuelle Sexualität und Neigung zu finden und zu definieren, ist eine unserer größten und schwierigsten Aufgaben. Diese begleitet viele von uns lebenslänglich. Bei nicht Wenigen wird diese Thematik nie wirklich angekuckt, die eigenen Neigungen, Bedürfnisse, Wünsche und Gefühle kaum hinterfragt, geschweige denn zugelassen und weiterentwickelt.

Über Sex wird überall und zu jeder Zeit, gefragt oder ungefragt, alles gesagt und zugleich nichts. Das worauf es ankommt, wird womöglich gar nicht erst ausgesprochen, geschweige denn, dass wir mit anderen darüber sprechen. Unsicherheit führt wie gesagt dazu, dass wir Definitionen suchen für das, was wir fühlen und erleben. Dabei folgen wir recht genauen Richtlinien, welche von der Kirche, der Gesellschaft, unserem nahen Umfeld und unserer Erziehung vorgegeben werden. Mutig wer sich traut, diese Richtlinien zu hinterfragen und Konventionen und Dogmen zu beleuchten und zu brechen.

Überlegen Sie nicht zu viel

Überlegen Sie nicht, was Sie „sind“. Es spielt keine wirkliche Rolle ob schwul, lesbisch, bi oder sonst was. Einzig und allein der Mensch mit seinen Bedürfnissen zählt. Wer sagt, dass Sie nicht einen Mann und eine Frau lieben dürfen? Sie müssen sich auch nicht zwischen zwei „legalen“ Freundinnen entscheiden, sondern dürfen die einzigartigen Verbindungen zu einer jeden leben und genießen.

Warum muss dies anders sein, sobald sich Sexualität und erotische Phantasien und Bedürfnisse mit reinmischen? Warum dürfen Sie Ihren Kopf an die Schulter Ihrer besten Freundin lehnen, aber nicht an die Ihres besten Freundes? Verunsichert es Sie, oder andere?

Hat dies immer gleich mit Untreue zu tun oder sind wir vielmehr untreu, indem wir Teile unseres Selbst vor dem Partner verleugnen und verstecken? Erlaubt ist, was Ihnen und allen anderen Beteiligten gut tut. Dies schließt Aufrichtigkeit und Respekt mit ein. Was Ihnen heute gut tut, kann morgen bereits wieder anders sein. Stehen Sie dazu und geben Sie der ganzen Geschichte erstmal Raum, in dem Sie sich zurechtfinden lernen.

Wo liegen die Unterschiede?

Die Nähe und Intimität, die Sie mit dieser Frau erlebt haben, unterscheidet sich wahrscheinlich wesentlich von der, die Sie mit Ihrem Freund haben. Worin liegt der Unterschied? Was hat Sie so tief berührt oder befriedigt, dass es Sie nicht los lässt? Vielleicht gibt es in der Beziehung zu Ihrem Freund einen Mangel, der Ihnen bis dahin gar nicht so bewußt war. Umso schöner, dass Sie hier auf einer Ebene Kontakt und Nähe gefunden haben, die Sie tief zu befriedigen scheint. Zumindest für den Moment.
 
Vielleicht sprechen Sie mit Ihrem Freund darüber und zeigen sich. Manchmal müssen wir jemand anderem auch nur zutrauen, mit uns und unseren Geschichten umgehen zu können. Verstecken Sie sich nicht, auch wenn sich dadurch vielleicht die Spreu vom Weizen trennt. Es ermöglicht Ihnen, aufrichtig und authentisch zu sein und Ihrem Partner, damit umzugehen.

Ich finde das ein spannendes und sehr essentielles, weil sehr wichtiges Thema, das Sie gerade beschäftigt. Wir nehmen uns heutzutage die Freiheit für so vieles. Warum nicht die, zu sein und zu werden wer wir sind?

Die Online-Sprechstunde von Dorothea Perkusic

Stellen Sie Ihre persönlichen Lebens- und Liebesfragen – von den häufigsten Fragen wird jeden Montag jeweils eine ausgewählt und anonymisiert auf mehreren Online-Portalen beantwortet.

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